Interview: Gespräch mit „Tochter“ Katharina Vitkovic

PAPA FOREVER!

Falco wäre am 19. Feber 60 Jahre geworden. Ein Gespräch mit „Tochter“ Katharina Vitkovic, für die Österreichs größter Popstar auch nach dem negativen Vaterschaftstest immer eines geblieben ist: ihr Papa.

Katharina Vitkovic gibt nur selten Interviews. Für die STEIRERIN macht sie eine Ausnahme. Sie empfängt uns in einem charmanten Bauernhaus südlich von Graz, das sie mit vier Hühnern, einer Ente, einem Erpel und einer frechen, tauben Katze bewohnt. In der Tür steht eine schöne Frau mit offenen Augen, fest eingewickelt in mehrere Lagen Wolle. Im Haus riecht es nach Räucherstäbchen, in den Regalen sind mehr Elvis- als Falco-Platten sowie esoterische Bücher. Der Blickfang ist eine auffällige Zeichnung über der Couch. Sie zeigt Falco mit der kleinen Katharina.

Am 19. Februar wäre Falco 60 geworden. Wer ist Österreichs größter Popstar für dich?
Katharina Vitkovic: Mein Papa. Auch wenn es für mich sehr schwierig war. Die Kinder und Erwachsenen verhielten sich automatisch anders, sobald sie über die familiäre Verbindung zu Falco erfuhren. Kinder können so gemein sein, wie oft habe ich nach der Sache mit dem Vaterschaftstest Sätze gehört wie „der will dich gar nicht“ oder „er ist nicht dein richtiger Vater“!

War er in der Zeit für dich da?
Ja, privat war er großartig. Ich solle nicht auf diesen Blödsinn hören, sagte er immer zu mir. Ich war ja erst sieben. Wir haben damals etwa zwei Mal die Woche telefoniert und er hat mir immer wieder Stärke und Sicherheit gegeben.

Du warst elf, als er gestorben ist. Wie war das damals?
Ich sollte in die Dominikanische Republik kommen, wo er gelebt hat, um seine neue Freundin kennenzulernen. Das wollte ich nicht. Er hat mir zu Weihnachten ein Flugticket geschickt, ich habe es aber nicht eingelöst und ihn bei Telefonaten abgewimmelt. Im Februar ist er gestorben, das letzte Mal gesehen habe ich ihn im Mai.

Was war damals zwischen euch?
Für mich war das eine sehr schwierige Zeit, ich war unter ständiger Beobachtung und den Boshaftigkeiten meiner Umgebung hilflos ausgesetzt. Ich hieß ja Hölzl und wollte auf einmal nicht mehr heißen wie er, weil ich nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden wollte. Papa schickte mir damals Psychologen in die Schule, was mich geärgert hat, weil es mich noch mehr in den Mittelpunkt rückte. Das ging weiter bis nach seinem Tod. Damals holte mich ein Pädagoge aus dem Unterricht. Er wollte in erster Linie wissen, woran Papa nun wirklich gestorben ist, durch Alkohol oder Drogen? Es ging damals nie um mich, nur um ihn.

Wie war Falco als Papa?
Er war ein unglaublicher Kindskopf, der Schmäh ist dauernd gelaufen. Wir sahen uns manchmal nur einmal im Monat, dann wieder jeden zweiten Tag. Wenn er bei mir war, dann zu 100 Prozent. Ich hatte Narrenfreiheit. Wenn ich als Kind auf dem Autodach herumspringen wollte, durfte ich das. Wenn wir beim Spazierengehen ein Pony sahen, fragte er den Bauern, ob ich reiten dürfe.

Falco wirkte nach außen oft wie ein Zerrissener. Wie war er privat?
Er hatte zwei Seiten, auch privat, wenn er etwa bei Konflikten die coole Kunstfigur mimte. Die diente ihm halt als Schutz. Man darf nicht vergessen, unter welchem Druck er damals stand, er war ja erst 29, als er in den USA und in Großbritannien Nr. 1 in den Charts war. In seinen letzten Lebensjahren ist er erdiger geworden, bodenständiger.

Wie war das Verhältnis zwischen ihm und deiner Mutter?
Die beiden konnten nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Mama hatte kein leichtes Leben, Papa konnte selbst zum Kind mutieren. Und er hat die Familie nicht geschützt. Etwa indem er das Ergebnis des Vaterschaftstests, dass ich nicht seine Tochter bin, veröffentlicht hat. Damit hat er uns und sich keinen Gefallen getan.

Wie kam es dazu?
Meine Mutter hatte damals einen neuen Freund und Papa wollte nicht, dass sie geht. Das war wohl eher eine Trotzreaktion.

Hat er die bereut?
Er hat damals, ich war sieben Jahre, zu mir gesagt: Ich bin zwar nicht dein richtiger Papa, werde es trotzdem immer bleiben. Ich glaube schon, dass er es bereut hat. Das Thema wurde mächtiger, als er es wollte.

Warum hast du von seinem Erbe nichts erhalten, wenn die Verbundenheit da war?
Papa hat sein Testament laufend umgeschrieben, je nachdem, mit wem er grad im Clinch war. Einmal sollte ich erben, dann seine Mutter oder sein Vater. So war er eben.

Denkst du manchmal darüber nach, wie es wäre, Alleinerbin gewesen zu sein?
Für mich war das Geld nie wichtig, ich habe auch keine Ahnung, wie viel das gewesen wäre. Als Kind konnte ich nie nachvollziehen, warum das überhaupt so wichtig ist. Mich hat damals viel mehr beschäftigt, warum alle Menschen meinten, ich dürfte nicht mehr „Papa“ sagen.

Welchen Kontakt hattest du zu seinen Eltern, seinen Großeltern?
Papas Verhältnis zu seinem eigenen Vater war schwierig. Er hat mich oft „benutzt“, um ihn zu sehen. Seine Mutter war für mich eine strenge Oma, ich durfte nie laut sein oder Dekogegenstände angreifen. Kurz vor ihrem Tod habe ich sie in ihrem Pflegeheim besucht, sie saß bereits im Rollstuhl und konnte nicht mehr sprechen. Wir haben uns gehalten und geweint. Ich denke, es war wichtig für sie, Frieden zu finden.

Wann wurdest du aus Falcos Tochter die Frau, die du heute bist?
Das war ein langer Reifeprozess, es ist sehr schwierig, im Schatten einer so großartigen Person aufzuwachsen. Nach seinem Tod gab es eine Zeit, da habe ich unsere familiäre Verbindung geleugnet, Burschen wollten wegen Falco mit mir befreundet sein, Mädchen wegen der Gratisdrinks. Mit 21 habe ich ein Buch über meine Geschichte geschrieben, ohne mir darüber großartig Gedanken darüber zu machen. Das war sozusagen auch eine Selbsttherapie. Die Fans haben es gut aufgenommen, weil ich darin die emotionale und persönliche Seite von Falco aufgezeigt habe. Sein Verhalten in der Öffentlichkeit war Schauspiel. Das beherrschte er perfekt.

Wie war dein Weg?
In meinem Leben mit Papa war die Außenwelt wichtig. Ich wusste lange Zeit nicht, was in mir selbst vorgeht. Erst mit Anfang 20, als ich in der Grazer Alternativszene gelandet war, habe ich ehrliche Menschen kennengelernt, die keinen Wert darauf legten, wer ich war. Das hat mich charakterlich wahrscheinlich am meisten geprägt. Dann begab ich mich weiter auf die Reise, habe zu malen begonnen und eine Tätowierausbildung gemacht. Ruhe habe ich den vergangenen Jahren durch den Buddhismus gefunden. So ab 30 konnte ich viele Dinge anders sehen und gehe mit der Krankheit nun anders um.

Du lebst heute zurückgezogen, warst im Vorjahr schwanger, hast dein Baby verloren und im Anschluss die Diagnose Krebs bekommen. Wie geht es dir?
Wenn alles so bleibt, habe ich im Mai alles überstanden. Die Chemotherapie habe ich abgebrochen, sie machte mir viele Probleme. Stattdessen habe ich Alternativbehandlungen in Angriff genommen, mit bewusster Ernährung oder Kräutern.

Siehst du einen Zusammenhang zwischen deiner Krankheit und deiner Lebensgeschichte?
Ich glaube daran, dass sich Lebensereignisse als Krankheiten manifestieren können. Für mich war anfangs auch nicht logisch, dass ich Krebs bekommen könnte. Die Zeit, in der ich unter der Chemotherapie litt, zeigte mir jedenfalls: Du musstest im Leben schon so viel akzeptieren, also akzeptiere auch das. Die Krankheit war ein Signal für mich, mehr auf den Körper zu hören. Zum Glück hat mir Papa da viel mitgegeben. Er glaubte ja auch an Naturgeister und hat mir als Kind immer Geschichten von Mama Natur und ihrer Heilung erzählt.

Letzte Frage: dein Lieblingssong?
Dance Mephisto. Das hat er mir oft zum Einschlafen gesungen oder zum Frühstück geträllert.


Katharina Vitkovic ist 31 Jahre, sie ist die Tochter von Isabella Vitkovic, die Falco beim legendären Opus&­Friends-Konzert in Graz-Liebenau im Jahr 1985 kennen- und liebengelernt hat. Im März des darauffolgenden Jahres kam Katharina auf die Welt. Falco und Isabella heirateten. Die Ehe war turbulent, Isabella wollte nicht nach Wien, so war lange Zeit ein Hotel in Loipersdorf der gemeinsame Wohnort. 1993 entschied ein Vaterschaftstest, dass Katharina nicht seine leibliche Tochter sei. Falco hat sich dennoch um sie gekümmert. Ihr Papa ist er bis zu seinem Tod am 6. Februar 1998 geblieben.


Dr. Daniela Müller
Chefredakteurin

Quelle: Die Steirerin